Youri ist 16 Jahre alt, Raumfahrtfan und in der Cité Gagarine zu Hause. In der nach Kosmonaut Juri A. Gagarin benannten Hochhaussiedlung am Rande von Paris ist er die gute Seele. Als die Stadt plant, die Siedlung abzureißen, formiert sich Widerstand. Youri ist mit seinen Freund*innen Houssam und Diana vorne mit dabei. Doch trotz aller Bemühungen gelingt es nicht, den Abriss zu verhindern. Schon bald ziehen die ersten Menschen aus, immer mehr Wohnungen stehen leer. Nur Youri kann nicht gehen. Seit seine Mutter bei ihrem neuen Partner lebt, gibt es für ihn keinen anderen Ort. Im Kampf gegen die Einsamkeit träumt sich Youri zu den Sternen, in einen schwerelosen Raum. Und so verwandelt er die leerstehende Cité in ein riesiges Raumschiff – das für ihn um Hilfe ruft, eine Gemeinschaft an sich selbst erinnert und Youri zu einem Planeten bringt, auf dem es Trost und neue Hoffnung gibt.
Sozialdrama, Coming-of-Age und Science-Fiction: ein schwebender Flug durch den Kosmos der Filmgenres
Fotos: Film Kino Text, Bonn
»Selten ist ein realer Ort so großartig zum filmischen Raum gemacht worden wie der in ›Gagarine‹. Das Regieduo Fanny Liatard und Jérémy Trouilh entwickelten ihr Langfilmdebüt auf Basis ihres gleichnamigen Kurzfilms, der als ethnografisches Projekt rund um den Abriss der Siedlung entstand. Wir befinden uns in der sozial prekären und ethnisch diversen Banlieue, die Nicolas Sarkozy einst mit dem Kärcher reinigen wollte. Doch die Sozialstudie über die zerstörerische Gentrifizierung einer Gemeinschaft ist glücklicherweise nur der dezente Hintergrund für eine starke und kurzweilige Coming-of-Age-Geschichte. Zu stimmungsvoller Musik zwischen sphärischen Theremin-Sounds und britischem Straßen-Rap schwebt die Kamera mit Youri durch die Gänge und Stiegenhäuser des Plattenbaus.«
Marian Wilhelm, Der Standard, Wien
»Die zwei steigen mit Archivaufnahmen von der Eröffnung der Cité Gagarine ein, die aus heutiger Perspektive geradezu ›surrealistisch‹ (O-Ton: Trouilh) anmuten. Denn auf den Schwarz-Weiß-Bildern ist in der dicht gedrängten Menschenmenge doch leibhaftig Juri Gagarin zu sehen, der eigens zur Einweihung angereist war. Das deutsche Kinopublikum reibt sich unterdessen noch eine Spur verwunderter die Augen, wenn es unter all den begeisterten Gesichtern auch Willy Brandt erblickt, der wohl in seiner Funktion als damaliger Regierender Bürgermeister von Berlin zugegen gewesen sein muss.
Diese traumhafte Qualität der eröffnenden Archivaufnahmen zieht sich als gestalterischer roter Faden durch den gesamten Film ...«
Falk Straub, spielfilm.de, Nierstein
»›Gagarine‹ weckt die Illusion, dass die Sterne tatsächlich ganz nahe sind, lässt uns für einen Moment wieder diese Aufbruchstimmung fühlen, für die es heute keinen Platz mehr gibt. Das geht zu Herzen, auch weil die dargestellten Jugendlichen gleichzeitig ungewöhnlich und doch Identifikationsfiguren sind. Hier heißt es sich zurücklehnen, staunen und am Ende ein klein wenig glücklicher sein.«
Oliver Armknecht, film-rezensionen.de, München
» ... so groß die Alltagstristesse in ›Gagarine‹ sein mag, sie ist Heimat, die einzige. Es fällt schwer, hier keine Allegorie auf unsere Gegenwartskrise zu sehen: Während Elon Musk und Co sich auf den Mars fantasieren, geht es darum, den Plattenbau Erde bewohnbar zu halten. Zusammen mit Crush Diana und Freund Houssam geht Youri in den Widerstand. Er bleibt als Letzter zurück und baut die brutalistischen Türme zum Raumschiff um. Nicht zuletzt ist ›Gagarine‹, basierend auf einer Doku von 2015, sozialer Kommentar über das Leben am Rand – und was uns vereint: Oder wer wusste, dass auch unser Sonnensystem eine ›celestial suburbia‹ ist?«
Iseult Grandjean, falter.at, Wien
»Juris Erfindungsreichtum und Einfallsreichtum tragen zum Aufbau des traumhaften Universums bei, das den Film umgibt. Der Junge hört nie auf, vom Weltraum und den Sternen zu träumen, und als er seine Wohnung in ein Raumschiff verwandelt, können wir seine Intelligenz nur beobachten. Unermüdlich navigiert er zwischen Traum und Wirklichkeit und lässt uns dabei an seiner Reise teilhaben.
Clélia Godel, cineman.ch, Zürich
» ... wo einst die futuristischen Träume der 1960er Jahre Raum eingenommen haben, entsteht heute, nach dem Abriss, eine Öko-City für all jene, die sich den Nachhaltigkeitsluxus leisten können. Die alte Vision von einem guten Leben ist von einer neuen abgelöst worden. Vor diesem Hintergrund wirkt ›Gagarin‹ wie ein Brennglas, in dem sich alle Formen und Farben, alle Emotionen und zeitlichen Erzählebenen zu einem fiktional-dokumentarischen Bild bündeln: ein politischer Film, eine berührende Liebesgeschichte und ein leuchtendes SOS-Signal im Angesicht fortschreitender Gentrifizierung.«
Rebecca Raab, critic.de, Berlin
»Fließend sind die Übergänge zwischen den Härten im sozialen Brennpunkt und märchenhafter Magie. Die schwebend-schwerelose Kamera von Victor Seguin verleiht dem hässlichen Wohnkomplex einen Zauber, lässt ihn, unterstützt von den sphärischen Weltraumklängen des Soundtracks, immer wieder wie ein Raumschiff wirken. Mit all den Momenten der Wehmut und Traurigkeit in den Gesichtern ist das so fein und genau erzählt, dass die Märchenhaftigkeit das harsche Sozialdrama nie in Frage stellt.«
Anke Sterneborg, radio3, Potsdam/Berlin