Die Sonne glänzt, die Knospen platzen, es blühen die Gefilde: Natürlich brauchen wir für diesen filmernsten Frühlings-Rundbrief zur Einstimmung ein bisschen Frühlings-Poesie. Aber nichts vom Dichterfürsten mit »vom Eise befreit«, denn das war lange vor dem Klimawandel. Auch nicht »Im Märzen der Bauer …«, denn das ist nicht gendergemäß: »Die Bäurin, die Mägde, sie dürfen nicht ruhn …«. Also etwas Erhabenes und Komisches zugleich, lebenslustig, ermutigend, ovo-vegetarisch: »Wenn der holde Frühling lenzt / Und man sich mit Veilchen kränzt / Wenn man sich mit festem Mut / Schnittlauch in das Rührei tut …«
Nun sind Sie wohl neugierig geworden – und vermuten vielleicht das Werk eines Verseschmieds, dem die Rösser durchgingen. Weit gefehlt. Das schöne Gedicht stammt aus der Feder einer Frau, die als »schlesische Nachtigall« berühmt-berüchtigt, von den Kritikern zur »Großmeisterin der unfreiwilligen Komik« ausgerufen und immer wieder parodiert wurde. Friederike Kempner war mit Leidenschaft Lyrikerin, aber auch durchdrungen von großem sozialen Engagement. In der DDR erschien 1987 in der berühmten »Poesiealbum«-Reihe das Heft 239 mit ihren Gedichten; bei Reclam illustrierte Horst Hussel ein sehr schönes Bändchen – FILMERNST blättert gelegentlich darin.
Und hier noch einmal der Frühling in voller Länge:
»Wenn der holde Frühling lenzt / Und man sich mit Veilchen kränzt / Wenn man sich mit festem Mut / Schnittlauch in das Rührei tut / kreisen durch des Menschen Säfte / Neue ungeahnte Kräfte – / Jegliche Verstopfung weicht, / Alle Herzen werden leicht, / Und das meine fragt sich still: / »Ob mich dies Jahr einer will?« Friederike Kempner (1836 – 1904)